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Tschechischer
Mystiker und Yogi Eduard Tomas (25. 11. 1908 - 26. 5. 2002)
War
genauso wie seine Frau Mila kein Philosoph, sondern ein Praktiker, hat
z.B. über Tibet-Buddhismus, Yoga und Mystik geschrieben.
etwas
auf tschechisch mit Fotos (bitte scrollt dort hinunter, es ist alles tschechisch)
Und
hier weiter das Inhaltsverzeichnis und einige Kapitel aus dem Buch
Eduard
Tomas: 108 Meditationen, Yoga-Ratschläge, Bemerkungen und Hinweise für
Fortgeschrittene
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1 Fühle die Stille
2 Lebe jenseits der Zeit
3 Lebe mit Frieden im Herzen
4 Lebe in der Wahrheit schon jetzt
5 Lebe rein und wache
6 Laß die Geheimkräfte in Ruhe
7 Empfange die Schwingungen der Jivanmuktas
8 Die Lösung der Probleme mittels Intuition
9 Reinigung der göttlichen Wege
10 Einschlafen oder auch wach bleiben, wenn wir es gerade brauchen - Schiebe
den kurzen Weg nicht auf
11 Höre auf, egozentrisch zu sein
12 Die Abhängigkeit von der Wahrheit, von Gott, vom Selbst ist unumgänglich
13 Die Wachsamkeit und die Achtsamkeit
14 Gebe mehr als du empfängst - Der Karmayoga
15 Hafte der Wonne nicht an
16 Rede nicht über Samadhi
17 Auflösung des Ego durch die Hingabe
18 Gott ist immer hier
19 Bringe das Denken nicht zur Entfaltung
20 Der Zölibat im Yoga?
21 Über den Guru
22 Stelle die vordergründigen Dinge auf den ersten Platz
23 Versuch, die Scheinpersönlichkeit in die Einheit zurückzubringen/zuführen
24 Verweile wortlos in wahrem Selbst
25 Die Vielfalt existiert /ist/ nicht wirklich - Yoga des befreienden
Lächelns
26 Der Pranayama
27 Reinigung der großen Nadi durch die Kraft der Klänge
28 Wenn du als formloses Selbst oder Sein existierst, bist du der Atma,
wenn du in irgenwelcher Form existierst, bist du das Ego
29 Wu-wei
30 Wenn du die Wahrheit suchst, belaste dich nicht durch viele Gedanken,
lerne jenseits der Gedanken zu stehen
31 Arbeit für andere Menschen
32 Lebe in der Wahrheit auch mit Anteilnahme von Ego
33 Die Zentren der Konzentration
34 Vergiß Gott nicht
35 Wenn du einen Samadhi erlebst, schweige
36 Der Davidstern
37 Erlaube deinem Denken, in Ruhe zu verweilen
38 Lebe im Jetzt
39 Das Wunder der Achtsamkeit
40 Meditationsübung im Traum und im Bardo nach dem Tode
41 Bitte um Hilfe und bedanke dich für sie
42 Kommunikation und Tätigkeit
43 Wenn dir keine Übung oder Meditation gelingen will /geht, übe den Karmayoga
44 Spüre das göttliche Selbst
45 Mantraübung ham-sa oder hong-sou, der Klangyoga
46 Meditation über die wahre Meditation
47 Die Essenz
48 Ändere dein Schicksal, wenn du willst
49 Liebe dein innerstes Selbst
50 Die Himmelsleiter
51 Breche das Siegel der Begehrlichkeit
52 Lebe im Jetzt - der Samyama auf den Bruchteil der Zeit
53 Heilung mit Hilfe des Hara
54 Das Absolute (den Atma) berühren 55 Wenn du die Wahrheit suchst, lebe
die Wahrheit
56 Erinnere dich an den Atma
57 Sulabha-Yoga
58 Das Glück des Blicks in die Ferne
59 Sei!
60 Weglegen des Irrtums des Körperseins
61 Vergiß das Selbst nicht einmal für einen Augenblick
62 Sankalpa
63 Das Schweigen durch das Bewußtsein mit Hilfe des Yogaatems
64 Saraha's Zwei-Baum-Übung
65 Die Sonnenmeditation
66 Der Geist im Körper und der Körper im Geiste
67 Vergiß nie dich mit Liebe zu konzentrieren
68 Suche das Glück nur im Brahma
69 Erlaube deinem spirituellen Herz zu strahlen
70 Suche den letzten Beobachter und identifiziere dich mit ihm
71 Laß dich durch den kosmischen Strom forttragen
72 Die Übung des Tada, die Ablenkungen und die Störungen
73 Alles, was existiert, ist göttlich
74 Verwechsle das Selbst mit der Wonne nicht
75 Die Wahrhaftigkeit
76 Verzichte auf alles
77 Verbrenne die Vasanas, die Abhängigkeiten
78 Mache dir durch das Sicheinfühlen die stille Wirkung des Selbst bewußt
und vertraue dich seiner Obhut an
79 Die Zweigabelung der Aufmerksamkeit (Bifurcation)
80 In Wirklichkeit gibt es kein Nicht-Selbst
81 Erreichen kann man die Wahrheit nicht
82 Wenn du äußerlich im Frieden leben willst, bemühe dich um den inneren
Frieden
83 Der spirituelle Lehrer und sein Einfluß
84 Liebe Gott im Atma
85 Hafte an nichts und lege die Angst beiseite
86 Die Anwendung der Intuition
87 Spüre in dir ständig das belebende Funken des Atma
88 Die Übung des Atmavicara
89 Du hast es auf die Dauer und du weißt es nicht
90 Halte in der Stetigkeit und Unbeweglichkeit inne (ein dreimaliges Paradoxon)
91 Kurzgefaßt über den Asparshayoga
92 Die subjektive Asparshayogaübung des zeitlosen Selbst
93 Das Sein im Traumschlaf
94 Das Sein im traumlosen Schlaf
95 Analysiere das Ego-Gefühl und konzentriere dich auf seine wirkliche
Komponente
96 Der Atma ist ständig anwesend
97 Das Ego träumt auch im Wachzustand
98 Die Wahrheit der einzigen Wirklichkeit
99 Die Ruhe ist dein Wesen
100 Verzweifle nicht über die Fehlschläge, sie sind eine Gelegenheit zur
Besserung des Charakters - Vorsicht auf den Übermaß an Lehrmethoden
101 Die Unwirklichkeit der Welt
102 Eine Schutzübung - das "Ei"
103 Das Wasser und die Wellen, nicht das Wasser und die Fische
104 Die zwei Strömungen /in/ der Zivilisation
105 Diskriminierung - die innere Unterscheidung
106 Die Schatten des Yoga und der Mystik
107 Lebe so, als ob du die Wahrheit schon verwirklicht hättest - mit Hingabe
und Ergebenheit
108 Maharshi's sukzessives Erkennen des Höchsten
Einführung
zum
Anfang
Wenn
eine Frau in Tibet heiratet, werden ihr 108 Glückszöpfchen geflochten.
In diesem Land wurde die Zahl 108 immer als eine Glückszahl betrachtet.
Vielleicht ist es auch woanders so.
Warum gerade 108?
Weil diese Zahl dreizehn Neuner beinhaltet. Ihr könnt einwenden: 108 ist
doch 12 mal 9, nicht 13 mal 9. Sicherlich, aber die Zerlegung der Zahl
108 auf 1 + 0 + 8 ergibt die Summe neun. Es sind also wirklich dreizehn
Neuner. Der Neuner und der Dreizehner sind merk-würdige Zahlen. Neun ist
eine magische Zahl, dreizehn wiederum ist die glücklichste Zahl. Zumindest
in Tibet.
Beachtet daher vor allem jene Übungen, deren laufende Nummern Multiplikate
von neun sind und deren Ziffersummen auch neun ergeben (also 9, 18, 27,
36, 45 usw.). Wenn ihr hundertprozentig nur diese Ratschläge und Meditationen
bewältigt, seid ihr hundertprozentig im Erkennen, im höchsten Ziel der
Menschheit. Die letzte Übung hat die Nummer 108, aber allein diese kann
euch, wenn ihr sie bewältigt, zum Erkennen führen. Doch um diese Übung
zu bewältigen, studiert, praktiziert und meditiert alle 108 Ratschläge
durch.
Das erhabenste Ziel und Ideal der Menschheit ist ein wenig Geduld und
Ausdauer wert. Beginnt - mit Gottes Hilfe - noch heute. Wenn Ihr erlaubt,
sage ich euch wie.
Lest zuerst jeden Ratschlag aufmerksam durch und vertieft euch anschließend
in ihn. Lest ihn noch einmal und realisiert ihn. Das heißt: versucht euch
auch mit dem, was hinter den Worten steht, zu identifizieren, d.h. hinter
dem Denken - hinter dem, das den Ratschlag geschaffen hat, wie hinter
dem, das ihn liest. Die Meditationen sind nicht chronologisch, entwicklungsgemäß
geordnet, dies ist kein Yogakurs. Die Temperamente und Charaktere der
Menschen sind unterschiedlich, nicht jeder wird alle Übungen gleich leicht
und schnell bewältigen können. Einige sind uralt, wörtlich prähistorisch,
andere neueren Datums, aber alle sind mehrmals durch reichlich Praxis
erprobt und verifiziert. Brecht in diese Übungen mit brennender Sehnsucht
nach Erkennen hinein ... und bleibt so. Dann praktiziert jeden Ratschlag
von ihnen täglich so lange, bis ihr ihn meistern könnt. Auf solche Weise
setzt die Praxis fort. Notiert euch die Ergebnisse in den Notizenseiten,
die für euch am Ende des Buches vorbereitet sind.
Was ihr lesen werdet, sind nur Worte. Worte können euer Denken nicht klar,
rein und leer machen, sie können aber andeuten, wie man es macht. Im Vergleich
mit der Erweckung sind sie aber wie ein Wölkchen am Himmel.
Mit
einem Segen für eure spirituelle Anstrengung
Eduard Tom‡s
1
Fühle
die Stille
zum
Anfang
Meditiere
nicht! Jetzt gerade höre bitte auf zu meditieren! Fühle bloß dein normales
Bewußtsein bewußt, wie es die STILLE hinter den Gedanken spürt. Sowohl
die Stille, als manchmal auch die zarte und feine, nicht extatische Wonne
. Das Bewußtsein ist dauerhaft und unzertrennlich mit dieser inneren lebendigen
Stille des Seins und der Wonne verbunden, aber normalerweise wird uns
dies nicht bewußt. Das Bewußtsein kann sich die Stille aber bewußt machen
- immer wenn es will, zum Beispiel jetzt, weil dort sein wirkliches Zuhause
ist.
Probiere das gleich aus! Jetzt sofort ...
Merke, daß du durch dieses Bewußtmachen der Stille ohne jede Anstrengung
den normalen Inhalt deines Bewußtseins, d.h. die Gedanken, durch die das
Bewußtsein gefüllt und umschattet wird, ausgeschlossen hast ...
Es ist eine sehr schnelle und wirksame Übung des kurzen Pfades, die man
zu jeder Tageszeit üben kann, auch bei der Arbeit, wenn man es gelernt
hat.
Das Resultat ist ein dauerhafter Zustand des inneren Friedens. Die Gedanken
müssen dabei nicht völlig verschwinden, sie können auf schattenhafte Weise
auch den ganzen Tag zur Verfügung stehend bleiben. Erst abends oder morgens
bei der Meditation erlaubst du ihnen zu verschwinden.
Es ist nicht nötig, auf das Erkennen lange zu warten, es genügt, wenn
du deine Identität vom Ego in das Innere verschiebst. Du lebst nicht in
Unwissenheit, das glaubst du nur. Du hast dich in deine Unwissenheit hineingedacht,
auf die gleiche Weise kannst du sie auch wieder wegdenken. Wisse, daß
du nicht nur der Körper, das Denken und die Gefühle bist, aber mache dir
das bewußt, was du in Wirklichkeit bist. Lege die Gewohnheit der Annahme
deiner physischen und mentalen Persönlichkeit beiseite!
Fühle immer die Stille im Hintergrund des Denkens (der Gedanken), erinnere
dich ständig, daß du das höchste Sein bist, und führe das jetzt gleich
durch!
Du suchst dich selbst. Ist das nicht töricht? Höre endlich auf damit.
Spüre die Stille heraus, die du bist! Laß dich durch diese Stille völlig
hinreißen ... Die Selbstsuche überlasse den Anfängern! Sie hält dich vom
Erkennen ab! Beginne damit, daß du das Erkennen schon hast - es ist wirklich
wahr. Du selbst bist göttlich. Spüre diese Stille mithilfe deines Bewußtseins.
Dieses Bewußtsein, das die Stille im Hintergrund der Gedanken spürt, das
bist du! Und die Stille bist du auch ...
Du bist schon jetzt die Wirklichkeit, die du suchst. Es ist nur nötig,
daß du dir bewußt machst, daß sie diese Stille im Hintergrund des Denkens
ist. Ist es so schwierig, sich das vorzustellen? Gar nicht. Zumindest
für einen Augenblick fühle es, aber mache das oft. Durch die häufige Wiederholung
wird sich dieser Augenblick verlängern. Denke nur nicht, daß du von Gott
entfernt bist, oder daß ihr zwei seid! Dein wahres Selbst ist Gott! Der
Suchende und der Gesuchte sind eins und das gleiche. Es ist die Existenz
(das Sein), das Bewußtsein und die Wonne . Es reicht völlig, wenn du es
auch nur als Sein erkennst.
Die
Stille, das Bewußtsein und das Sein hinter den Gedanken des Ego sind (bzw.
ist, weil diese Begriffe zusammen die eine und gleiche Wirklichkeit ausdrücken),
dauerhaft. Du kannst es immer haben, es läuft dir nie davon. Es ist jenseits
von Zeit und Raum. Das Ego und seine Gedanken sind in Zeit und Raum. Der
zeitlose und raumlose Zustand existiert aber nicht außerhalb von dir.
Es sind deine eigenen Tiefen des Seins.
Spüre ihre Stille heraus...
2
Lebe jenseits der Zeit
zum
Anfang
So
läuft es in der Welt: das formlose Sein nimmt Form an, das grenzenlose
Sein nimmt Begrenzungen an. Das Formlose und Grenzenlose wird dadurch
aber nicht geändert, genausowenig wie sich das träumende Denken des Menschen,
das voller Namen und Formen ist, im Traum ändert. Es ist nur eine Fiktion,
ein (Trug-)Schein. Darum schwindet diese Fiktion, wenn wir die Wahrheit
realisieren, d.h. wenn wir in uns bewußt das Sein verwirklichen. So sind
der Mensch und alle anderen Wesen und Dinge nur empirisch, zum Schein
individualisiert, obwohl sie als individualisierte Gegebenheiten erscheinen
/vorkommen.
Derjenige, der das Erkennen erreicht hat, weiß dies alles, weil er nicht
nur in der Welt lebt, sondern auch im formlosen und unbegrenzten Sein
jenseits von Zeit und Raum. Er weiß, daß dieses Sein vorübergehend auch
die begrenzte Form seines Körpers angenommen hat. Er lebt aber mehr im
Sein, in der Wahrheit der Wirklichkeit, als im Körper, und den eigenen
Körper sieht er als einen bloßen Traum.
Diesen vorteilhaften und entspannten Zustand kann man durch folgende Übung
herbeiführen:
Der Schüler tut so, als ob er plötzlich von seinem "Tagestraum"
in den Zustand jenseits von Raum und Zeit aufgewacht wäre. Er macht sich
nämlich bewußt, daß er bisher als Person nur geschlafen und geträumt hat.
Jetzt steht er plötzlich darüber und wird unpersönlich. Er weiß jetzt,
daß ein Traum da ist. Er selbst schläft jetzt nicht mehr - und er weiß
es auch. Er ist jetzt voll erwacht, aber nicht als eine Person, die zum
Traum gehört, sondern als das reine unpersönliche Sein, zeitloses Sein,
das jenseits von Zeit und Raum ist. Das ist ein vergleichloser, im Frieden
bestehender Unterschied zu dem gängigen menschlichen Traum, bzw. zu dem
üblichen Leben im Chaos der Gedanken, die immer in der Zeit existieren.
Erblicke plötzlich und unvermittelt die Wahrheit!
Was hat dies für Vorteile? Was kannst du erkennen? Nur das Selbst! Bleibe
also als Selbst! Das ist die ganze Wahrheit! Bis jetzt hat dein Ego das
Selbst gesucht, also wart ihr sozusagen zwei - zwei voneinander getrennte
Wirklichkeiten. Wieso willst du sie verbinden? Wirf solches Suchen weg,
überlasse es den religiösen Verehrern und Yogaanfängern! Sonst wirst du
immer und ständig in der Dunkelheit herumirren. Trete in die Stille, die
jenseits der Zeit ist, hinein. Mache dir vor allem bewußt, daß der Suchende
in Wirklichkeit das Gesuchte ist!
Siehe das jetzt gleich! Berühre die Stille zumindest! So ... und jetzt
bist du genauso göttlich, wie du es im Erkennen sein wirst. Jetzt war
das auf jeden Fall nur für einen kleinen Augenblick, später wird es für
immer so sein. Dein Ziel ist hier und jetzt, gerade jetzt hast du es erreicht.
Wiederhole diese kurze Übung so oft wie möglich, damit du das Erlangte
verlängern kannst. Schaue immer in die Zeitlosigkeit, vergiß, daß du überhaupt
etwas suchst, laß das Ego Ego sein und nimm es nicht wahr, bleibe ohne
Gedanken stets in das Selbst vertieft!
Wache aus der Illusion des Ego auf!
Du bist der Atma, warum sollst du ihn noch suchen? Wozu ein Erreichen
von etwas, was du schon bist? Vergiß nur, daß du gedacht hast, daß du
der Körper bist! Und vergiß, daß du dich "auf dem Weg" befindest!
Vergiß das ein für alle mal!
Es gibt keinen Weg, denn das, was du suchst, bist Du! Schau in die Zeitlosigkeit
und eigne dir den Gedanken an, daß du gerade jetzt göttlich bist! Identifiziere
dich bloß nie mehr mit dem Ego! Gott bist du und du bist auch alles, was
ist (das wirst du später erkennen).
Wirst du jetzt noch einen Guru suchen? Wenn ja, dann hast du mich nicht
verstanden. Ließ aber weiter, vielleicht wird es dir klar werden.
3
Lebe mit Frieden im Herzen
zum
Anfang
Die
Gesellschaft wird immer so aussehen, wie die Menschen, aus denen sie besteht.
Da sind die besten die Menschen ohne Ego. Das sind diejenigen, die in
der Wahrheit, in der Selbsterkenntnis leben. Solche Leute strahlen durch
ihre bloße Existenz Frieden aus. Wenn du aber selbst unruhig bist und
dein Ego mächtig ist, wie kannst du hoffen, daß du je Frieden ausstrahlen
wirst? Und ohne Frieden im menschlichen Herzen, ohne Selbsterkenntnis,
was passiert mit der Gesellschaft? Darum lebe bewußt mit Frieden im Herzen
auch jetzt, als ob du schon im Erkennen wärest.
Wie? Immer wieder rufe dir diesen Frieden im Herzen ins Gedächtnis!
Lebe ständig mit dem Gedanken an ihn in deinem Herzen. "Erzeuge"
im Herzen nichts außer Gedanken - wie kann ich helfen? Um dies überhaupt
zu können, halte dich an folgende Regeln:
1 Lebe ohne Anhaftung an etwas in der Welt außer Gott und Selbst! Die
Befreiung kann man nicht anders erreichen.
2 Setze dich frei /Laß los von deinem Ego, vor allem von seinen Wünschen
und Leidenschaften. Dann wird alles vollkommen werden.
3 Sei dir bewußt, daß die Gedanken und Gefühle nicht dein wahres Selbst
sind. Sie werden vergehen, genauso wie sie gekommen sind. Dein wahres
Selbst bleibt, weil es ewig ist.
4 Untersuche nicht deine Gedanken und Gefühle, grüble nicht darüber nach,
dann wird dein Denken beruhigt. Die Freude bleibt weiterhin Freude, der
Trauer bleibt Trauer, aber alles wird klar, rein und schlicht sein.
5 Wirf alles beiseite und lebe so, als ob du nichts wüßtest und außer
Erkennen auch nichts wissen wollen würdest. In der Folge wird auch alles
klar und leer sein.
6 Binde dich auf keinen Fall an das Denken, hafte ihm nicht an! Laß deine
Anschauungen verschwinden, dann verschwinden auch die Probleme. Probiere
das aus!
7 Lebe im JETZT!
8 Stelle dich zum "ich will" und zum "ich will nicht"
ganz indifferent! Dann verschwindet jede Täuschung und meistens auch der
Schmerz.
9 Merke, daß alles, was Name und Form besitzt, ist nur und ausschließlich
die Leerheit! Denke nicht viel an deine Fehler und "Sünden".
Das sind alles Objekte wie alle Gedanken. Identifiziere dich mit dem Atma.
Der ist kein Objekt, Atma bist du selbst! Es verlangt bloß erstens ein
wenig Mut und zweitens die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf den Frieden
im Hintergrund des Denkens. Die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit!
Sie darf sich nicht nach außen richten, wie sie es immer tut, aber in
sich selbst /hinein. Es ist keine schrittweise Aktion, sondern eine augenblickliche
/sofortige. Der Mensch beschäftigt sich weder mit Fehlern noch mit Tugenden,
sondern er erkennt plötzlich das Selbst, oder zumindest seine Emanation.
Bei dieser Umkehr /Wende greift immer die Gnade ein. Es ist eine rasche
Verschiebung des Bewußtseins von den egoistischen Gedanken auf den Atma.
Auf den Frieden im Herzen. Auf das, was hinter den Gedanken, hinter dem
Ego ist. Dann lebt der Mensch mit Frieden im Herzen, durch den Frieden
des Herzens.
Denke
nicht daran, was du machen oder nicht machen solltest, sondern lebe mit
Frieden im Herzen. Es ist eine schnelle und heftige, revolutionsartige
Umkehr auf dem Weg eines Yogi. Es ist keine egoistische Strebung, sondern
ein sofortiges Konzentrieren der Aufmerksamkeit auf das Ziel. Es ist ein
Sprung. Es ist das Identifizieren mit der eigenen Identität und ein Festhalten
an ihr bis zur Befreiung.
9
Reinigung
der göttlichen Wege
zum
Anfang
Die Übungen
Citranadi und Madhyama sind eine einträgliche und sehr wirksame Hilfe
auch für weniger Fortgeschrittene. Citranadi ist die feinste der psychischen
Nervenbahnen. Sie ist so fein, daß sie die Mitte eines anderen psychischen
Nerves durchläuft, die Mitte der Sushumna, die bekanntlich durch das Rückenmark
führt.
Stelle dir vor jeder Meditation, wenn möglich auch außerhalb der Meditation,
die Citranadi als einen sehr feinen Faden vor. Sie ist feiner als die
feinste Spinnwebe und führt durch die Sushumna von unten nach oben. In
alle Richtungen, auch hinauf und hinunter, strahlt sie die fünf Regenbogenfarben
aus: gelb, rot, grün, violett und blau. Sie läuft durch die ganze Wirbelsäule
und durch das Gehirn - vom Muladhara bis zum Sahasrara - durch und strahlt,
vor allem in den Endpunkten, aber auch in der Stirn, im Herz und im Nabel.
Wenn du mit der Vorstellung von Farben Schwierigkeiten hast, kannst du
sie durch ein kristallklares, durchsichtig strahlendes Licht ersetzen,
das genauso lebendig in alle Richtungen strahlt.
Diese Übung und die folgende Übung Madhyama reinigen schnell die Wege
der Kundalini. Weiters schwächt Citranadi die verschiedensten psychischen
Belastungen und Abhängigkeiten. Manche können sogar völlig verschwinden.
Sehr fortgeschrittene können diese Übung auslassen, weil sie auf Vorstellungen,
also Illusionen, beruht. Wenn solche Schüler diese Übung praktizieren,
können sie dadurch die erlangte Tiefe verifizieren.
Die Bedingung: vor, während und nach der Übung ist es nötig, alle negativen
Gedanken loszuwerden, sei es durch Indifferenz oder anders. Gemeint sind
z.B. Stolz, Geiz, sexuelle Begierden, Neid, Freßsucht, Faulheit, Eifersucht
und Rachsüchtigkeit. Wenn es nicht geht und diese Gedanken beherrschen
dich, übe auf keinen Fall Citranadi. Es könnte zu einer ernsthafter Verschlimmerung
/¡lechterung des negativen Gemütszustandes kommen. Wenn du aber in einer
geistigen Reinheit übst, werden deine Vasanas geschwächt, die Introspektion
und das Konzentrationsvermögen /werden/ gestärkt, und Sushumna und Cakras
werden gereinigt. Wenn diese Übung täglich geübt wird, vierzig Tage hintereinander
und jeden Tag zumindest zehn Minuten, wird das Denken jede böse Neigung
von selbst meiden. Merke: auch das Böse ist nur eine Illusion.
Die Madhyama-Übung gehört genauso wie die vorherige zum Rajayoga. Sie
erleichtert die Introspektion und Konzentration. Sie gehört jedoch auch
nur in die Sphäre der Illusion.
Der Schüler stellt sich eine Lichtlinie, die durch die Sushumna vom Kopfscheitel
(Sahasrara) bis zum Muladhara führt, vor. Er imaginiert sie als eine feste
kristallsilberne Lichtschnur, die in alle Richtungen in den Raum herum
strahlt. Dabei beobachtet er nicht nur die Schnur in ihrer ganzen Länge,
sondern auch die beiden strahlenden Enden.
Wenn sich der Schüler in dieser Vorstellung gefestigt hat, beginnt er
im Lichte der Wirbelsäule zu atmen. Dabei strahlt seine Wirbelsäule unaufhörlich
und intensiv weiter. Obwohl das Licht aus der Wirbelsäule in ihrer ganzen
Länge strahlt, ist diese im ihren Inneren leer. Der Schüler verschiebt
den Atem in das Zentrum dieser Strahlung, d.h. in die Sushumna, und atmet
dort hinauf und hinunter. Selbstverständlich nur in der Vorstellung, sonst
atmet er wie üblich durch die Nase. Er merkt die Leerheit der Wirbelsäule
und das Licht, das aus ihr herausströmt, und beginnt allmählich den Atem
zu verlangsamen, ungefähr auf die Hälfte vom normalen Atemrhythmus. Das
Licht strahlt weiterhin in alle Richtungen. Jetzt beginnt er dieses Licht
in Form einer Säule in alle Richtungen zu verbreiten, auch hinauf und
hinunter, bis er sich selbst mit diesem Licht in den ganzen Kosmos verbreitet.
Dabei wünscht er sich innig, daß dieses Licht alle Geschöpfe erleuchtet
und vergeistigt, und daß es ihm einen dauernden Frieden, Zufriedenheit
und Glück verleiht. SHUBHAM ASTU SARVAJAGATAM!
Das Resultat ist ähnlich dem der Citranadi. Die Sushumna wird gereinigt,
auch Citranadi selbst mit allen sieben Hauptlotusen und vielen Nebenlotusen,
die Introspektion und Konzentration werden gestärkt und das Denken wird
wieder - wenn zehn Minuten täglich vierzig Tage lang geübt wird - jede
Art des Bösen selbst meiden.
Aber - Vorsicht! Entwickle nie eine Anhaftung an diesen oder an anderen
tantrischen Übungen. Es kommen noch einige. Sie können dir helfen, den
kurzen Pfad zu besteigen oder zu vertiefen, aber sie können ihn auf keinen
Fall zum Abschluß bringen. Keine andere Kraft als die göttliche, die Kraft
des Atma oder des Brahma, kann so etwas vollbringen. Die Cakras befinden
sich noch im Rahmen des Denkens, wenn auch eines sehr feinen Denkens.
Du mußt das Denken ganz beiseite legen. Vergiß das nicht. Du mußt das
Ego verlassen, seine Gedanken und Vorstellungen, als ob sie nie dagewesen
wären und wenn möglich nie zu ihnen zurückkehren. Die Wahrheit dringt
alles durch, das Ego kann sich das nur vorstellen. Die Wahrheit hat weder
Anfang noch Ende, das Ego beschränkt sich auf deine Person.
Dein einziges Ziel ist die Wahrheit. Atma - Brahma. Unterscheide die Wahrheit
von der Illusion, so vermeidest du das Abbiegen in die falsche Richtung.
Meide die Gedanken an die Fehlschläge und an den Fortschritt! Die Wahrheit
ist immer da, sie überragt dies alles! Richte dein Denken ausschließlich
und dauerhaft auf das Selbst - gleich nach der Übung Citranadi oder Madhyama.
Bleibe an dem "niederen" nicht einmal für einen Augenblick hängen,
erhebe dich zu dem, was das Höchste ist!
Die Wahrheit ist so fein wie das unendliche Sein, sie ist schon da und
sie wird sich dir auch unerwartet offenbaren. Sei dir bewußt, daß du schon
in ihr lebst - aber mit keiner besonderen Anstrengung. Jede Anstrengung
ist mit Ego verbunden. Lebe nur - und fühle die Wahrheit! Wenn das nicht
möglich ist, ist dieser Weg noch nicht für dich. Dann übe die beiden obengenannten
Übungen und meditiere genauso wie vorher. Dein Denken, seine Betrachtungen
und Ansichten, sollen durch Meditationen, Kontemplationen und durch das
"philosophische Gebet" gereinigt werden, damit du für den kurzen
Pfad vorbereitet bist (vgl. dazu die Bücher von E.T. "Einführung
in der integralen Yoga", "Yoga der Aufmerksamkeit" und
den Abschluß dieses Buches). Die Schuppen oder Schleier, die Hüllen der
Unwissenheit kann man nicht vorzeitig entfernen. Du würdest solche Anstrengung
nur mit einer Verlängerung des Weges bezahlen - wenn nicht auch anders.
Wie erkennst du dein Fortgeschrittensein sonst?
Deine Reaktionen auf Menschen und Ereignisse hängen von der Tiefe deines
Erkennens ab. Wenn du negativ reagierst, bist du im Ego! Darum wende das
Denken ständig der unendlichen Stille in seinem Hintergrund zu! Berühre
ständig zumindest ein wenig das Transzendente!
Bemerkung
- Vor jeder Übung atme deine Beine von den Zehenspitzen bis zu den Knien
durch: mit der Silbe OM oder AUM 21mal einatmen, das Ausatmen führe in
die Unendlichkeit.
57
Sulabha-Yoga
zum
Anfang
Im weiten Indien, im glücklichen Königreich des mythischen Königs Janaka
lebte lange Zeit vor Jesus Christus, lange Zeit vor Buddha Gautama eine
alte Hegfrau namens Sulabha. Sie war Zeitgenossin des namhaften Weisen
Ashtavakra, des achtmal verbogenen', und wetteiferte mit ihm im spirituellen
Unterricht des Königs Janaka.
König Janaka war weit und breit durch seine Askese bekannt. Nach Ashtavakras
Anweisungen gewährte er verführerischen weiblichen Augen nie einen Blick
und wenn er einer der Hofdamen begegnete wendete er seinen Kopf ab. Sulabha,
wissend, daß Gott in allem, also auch in Frauen ist, betrachtete solche
Askese als übertrieben. Sie beschloß, den König von seinem Wahn abzubringen,
verwandelte sich in eine wunderschöne junge Frau und besuchte die Königsburg.
Innerhalb kurzer Zeit verführte den lieben König zur körperlichen Vereinigung.
Noch in derselben Nacht erlebte der König in der Umarmung der Sulabha
sein innerliches Erwachen. Was ist da passiert?
Sulabha belehrte den König, daß die göttliche Substanz universell und
allgegenwärtig ist. In einem lebenden Menschen liegt sie im spirituellem
Herzen als die zärtlichste und liebevollste Grundlage von allem Guten.
"Du findest dort nicht nur dich selbst, sondern zugleich auch mich,
...", sagte sie. "...nur mußt du mich dort mit einem Lächeln
suchen, immer so verliebt, wie du es gerade jetzt bist, sonst wirst du
mich nie finden!", sagte sie, und verschwand dem König aus den Augen.
Der verliebte König suchte sie lange, er ließ die Burg durchsuchen, danach
auch die ganze Stadt, aber niemand hatte die bildhübsche Zauberin gesehen
und es konnte sie auch niemand finden, weil sie sich inzwischen wieder
in ein altes Großmütterchen verwandelt hatte. Erst nach langem Suchen
erinnerte sich der König an ihre Empfehlung und Warnung und begann sie
in seinem Herzen zu suchen. Dort fand er sie auch bald. Und sich selbst
auch.
Mein lieber Freund. Sei dir bewußt, daß auch deine göttliche Essenz in
deinem Herzen ruht, und daß sie die zärtlichste und liebevollste Grundlage
von allem guten, lieben und zärtlichen und auch das größte Glück deines
Lebens ist. Lächle sie an, tief und glücklich verliebt, lächle sie ständig
an, mit Verständnis und der reinsten Innigkeit, derer du nur fähig bist,
und du wirst sie dort sicher finden. Eigentlich wartet sie schon auf dich.
Je stiller du bist, desto mehr liebt sie dich, je mehr du dich ihr hingibst,
desto näher bist du ihr. Die Liebe und das Hingegebensein säumen deinen
Weg. Verweile nur still mit deinem ganzen Wesen, mit deinem Körper, deinen
Gedanken und auch mit deinen Gefühlen. Auch mit deinem Atem, sodaß sich
nicht einmal ein kleines Federchen bewegen kann ... und sie wird dich
in reinster Liebe, Weisheit und Wahrheit umarmen und du wirst sie nie,
wirklich niemals verlassen wollen.
Sie ist in der Tat eine wahrlich königliche Geliebte, deren führende Eigenschaft
ist - alles zu vergeben.
Werde ihr nie untreu!
58
Das Glück des Blicks in die Ferne
zum
Anfang
Wenn ihr oft aufs Land reist, habt ihr bestimmt irgendeine Stelle im Wald
oder in den Bergen gefunden, wo sich plötzlich eine Aussicht in die Landschaft
eröffnet hat. Je weiter sie war, desto mehr hat sie euch gefesselt und
eine geheimnisvolle Ruhe in eurer Herzgegend erscheinen lassen. Es ist
eine wehmütige, manchmal auch glückstrahlende, stille Ruhe gewesen, ein
gewisses Gefühl der Vereinigung von allem mit allem, eine wohlige Beruhigung
aller Wunschziele und verborgenen Sorgen. Eine Ruhe, an die ihr euch noch
lange erinnert habt. Vielleicht habt ihr diese Stelle auch Freunden empfohlen
und habt erzählt, daß es dort wunderschön ist.
"Geht nur hin und schaut in diese Landschaft, ihr werdet es nicht
bereuen ... Es ist so ungewöhnlich zauberhaft dort."
Nun, der Zauber beruhte nicht in dieser Landschaft. Er war in euch; das
habt ihr und auch eure Freunde nicht einmal geahnt. Aber so ist es einfach
in Wirklichkeit. Es war eine Bezauberung durch die Fernsicht, durch die
eine plötzliche Leere des Denkens entstanden ist.
Als sich vor euch plötzlich dieser Fernblick eröffnet hat, hat sich euer
Blick absichtslos in die Ferne gerichtet, die Aufmerksamkeit überflog
die Naturlandschaft. Bevor sie sich unwillkürlich mit einem neuen entfernten
Gegenstand, einem Kirchturm, einem Baum, einem Berg oder einem anderem
Objekt verbinden konnte, ist im Denken ein Vakuum entstanden, in das das
Unbekannte eigedrungen ist, das auf Dauer hinter dem Denken existiert,
eure eigene Ruhe des Herzens. Es war eine schwache Erfahrung des Erkennens,
dessen Frieden ihr zu Unrecht der Landschaft zugeschrieben habt, wie schon
viele vor euch und nach euch, aber dieser Frieden war und ist euer Frieden.
Es war kein fremder' Frieden, kein Geschenk der schönen Landschaft, sondern
ein Frieden, der direkt aus euch herausgekommen ist. Es war der Abglanz
des Friedens eurer innersten Tiefe.
Suche dir solche Orte aus, mein Freund. Jetzt wirst du schon wissen, daß
dieser Frieden dein Frieden ist. Wisse, daß dies ein sehr empfindlicher
und unbeständiger Frieden ist. Du kannst ihn durch den leisesten Gedanken
des Interesses an etwas verscheuchen. Du kannst ihn jedoch auch verlängern
und festigen, falls du das kannst. Ich hätte da eine Empfehlung.
Um den Frieden zu halten, bewege dich weder körperlich, noch in Gedanken
oder Gefühlen. Du kannst die Stille des Friedens in die Sushumna oder
in das Anahata verlegen, aber laß lieber alles wie es ist: in der Unpersönlichkeit
des Herzens für alle Menschen der Welt. Rede mit niemanden darüber, nicht
einmal mit dir selbst, und vor allem: beurteile nicht diesen Frieden,
bewerte ihn nicht. Es ist nicht im wahren Sinne dein Frieden, es ist ein
reiner Frieden Gottes. Erinnere dich an ihn im Stillen, ohne eine Wiederholung
zu wünschen, und er wird wieder kommen. Wenn du dich an ihn laut erinnern
wirst, z.B. im Kreise der besten Freunde, entweicht er wie ein Rauch ...
Das Wohl der Fernsicht ist Glück Gottes genauso wie ein Samadhi. Es bleibt
ausschließlich durch Nichtanhaftung an ihm dauerhaft, durch ein weises
und reines Verständnis, mit Hingabe und Liebe verbunden.
Sage dir demütig: "Es soll so viel von diesem Frieden da sein, wie
es Gott will". Mehr strebe nicht an.
64
"Sarahas
Zwei-Baum-Übung - Das Nichtentfalten des Denkens
zum
Anfang
"Alles ohne
Ausnahme ist Buddha"
"Der wunderschöne Baum des Denkens,
der keine Zweiheit kennt,
wächst durch die ganze große Welt durch.
Er trägt die Blüten und Früchte des Mitgefühls
und heißt Dienst den Anderen.
Der wunderschöne Baum der Leerheit,
der ohne Blüten ist,
wächst durch die ganze Welt durch.
Wer ihn dort aber sucht,
fällt hinunter ... es sind keine Zweige da.
Zwei Bäume
gewachsen aus dem gleichen Samen,
darum tragen sie auch gleiche Früchte.
Derjenige,
der keinen Unterschied zwischen diesen beiden kennt,
ist sowohl vom Nirvana wie auch vom Samsara befreit.
Wer sich aber nähert,
um dann mit unerfüllter Sehnsucht wegzugehen,
für solchen ist es besser,
daß er das Haus verläßt und nimmt die Schale an,
die ihm aus der Tür nachgeworfen wurde.
Wer haftet der Leerheit an und vergißt das Mitgefühl,
wird die höchste Stufe nicht erreichen.
Wer nur Mitgefühl hat,
wird der Fesseln des Seins nicht los. Nur für einen,
der in diesen beiden stark ist,
gibt es weder Samsara noch Nirvana."
Saraha, Dohakosha
Lest aufmerksam
diese Verse von Saraha und denkt darüber nach. Eine der einfachsten und
dabei mächtigsten Übungen verbirgt sich in ihnen.
Sie ist schlicht;
demjenigen, der mindestens einmal den Nirvikalpa-Samadhi oder zumindest
den höheren Savikalpa erlebt hat, kommt sie einfach vor. Andere Schüler
können sie daweil überspringen und später auf sie zurückgreifen, wenn
diese Bedingung erfüllt wird. Ich will dich natürlich vom nichts abraten:
wenn du willst, mein Freund, probiere sie auch ohne diese Bedingung. Vielleicht
ist deine Seele schon jetzt außerordentlich rein. Denke nach: ein Denken,
das sich bewegt, vibriert und unruhig ist, das voller Gedanken und Gefühle
ist, überdeckt das Nirvana und schafft Maya, Irrtum, Wahn, die Unwahrheit.
Es ist aber dasselbe Denken wie das, was sich nicht bewegt und völlig
ruhig ist - das Nirvanam selbst.
"Alles ist Buddha,
ohne Ausnahme!" ruft Saraha. Ist dir das jetzt klar? Oder doch noch
nicht? Denke noch einmal nach. Wenn alles ohne Ausnahme Buddha ist, dann
gibt es keinen Unterschied zwischen diesem und jenem und alles ist nur
ein einziges. Warum also das Nirvanam suchen, wenn es schon da ist?
Die Wahrheit ist
weder in einem Wort noch in einem Gedanken. Sie ist einfach. Wozu dann
also irgendwelche Meditationen? Alles, was du gerade jetzt erkennst, sogar
das, was du bist, ist gerade eben die Wahrheit. Erinnere dich, wie das
im Samadhi war. Das Denken war ohne Tätigkeit. Aber die Tätigkeit an sich
ist nicht der Grund des Unfreiseins des Denkens. Das Denken ist so beschaffen,
wie es ist! Du bist, der du bist! Das Gebundensein ist bloß entstanden,
weil du denkst, daß du der Handelnde bist. Aber Handelnder oder Nichthandelnder,
es ist doch alles nur ein einziges Denken. Das Selbst, das Sein.
Halte dich unerschütterlich
an das Innere und identifiziere es mit dem "Äußeren". "Zwei Bäume sind
aus dem gleichen Samen gewachsen und darum tragen sie auch die gleiche
Frucht", singt Saraha. Das Wesen des Inneren ist weder seiend noch
nicht-Seiend. Also: "die fünf Zustände sind die Leerheit und die Leerheit
sind gerade die fünf Zustände".
Warum soll man
unter diesen Umständen meditieren? Entfalte das Denken nicht! Das ist
alles. Also: "das Erkennen berühren" und dies in Erinnerung behalten...
"Beschmutze dein Denken nicht mit der Meditation...", aber "...steige
hinauf oberhalb des Kopfes des Menschen der Welt...! Gehe weiter, wo die
Gedanken und der Atem der Welt nicht mehr herumirren, wo die Sonne und
der Mond schwinden... auf diese Weise, Mensch, laß dein Denken ruhen!"
Was heißt das?
Saraha ist ein Tantriker. Deswegen bedeuten diese Worte: die Kundalini
in den Sahasrara, in den siebten Lotus im Oberteil des Kopfes und oberhalb
des Kopfes zu ziehen, wo erst die Meditation ohne Meditation beginnt.
Dann wird das Bewußtsein durch die amrtanadi-brahmanadi ins Herz "hinuntergleiten".
Automatisch, ohne dein Mitwirken oder deine Bemühung.
Erst dann wird
alles - der Körper, die Sinne und die eigenen Gedanken - als eine Einheit
gesehen, alles vereint. Auch die Grenze zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst
schwindet. Die beiden Seinsarten nähern sich einander und werden ein einziges.
Hier ist es wichtig, die Erinnerung an das tiefste spirituelle Erlebnis
- an den Meister - nicht zu verlieren. Dann werden alle drei Zustände
- das Wachen, der Schlaf und der Traum - zu einem einzigen Zustand der
großer Nacht zusammenfließen. Jetzt kann auch der sogenannte vierte Zustand
eintreten, der eigentlich kein vierter Zustand ist, weil er in allen drei
anderen lebt und erlebt wird.
Es ist nur nötig,
immer zu beachten, daß "das reine Denken nicht beginnt, wieder zu vibrieren".
Diese Übung ohne Übung ist die Grundlage der Saraha-Lehre.
Das Denken ist das Keim von allem. Der Samsara und auch
das Nirvana haben hier ihr Ursprung. "Weder 'ist' noch 'ist nicht' das
alles, nur die Leerheit vibriert...", schrieb mir unlängst ein junger
Freund. "Vibriert und steht ohne Bewegung ... das ist die doppelte heilige
Kommunion" Vergiß an die Schwingungen des Denkens zu denken und sei wie
ein kleines Kind.
Durch die Indifferenz
wird die Welt absorbiert.
Laß das Denken
ohne Bewegung bleiben, so wirst du die Fesseln des individuellen Seins
zerreißen. Denke an nichts und suche die Antwort nur im höchsten Glück.
Dazu brauchst du nichts, nur einen reinen Zustand des Denkens. Laß dich
nicht durch die Sinne versklaven, indem du denen ständig Folge leistest,
sonst kommen die Sehnsüchte und die Begierden wieder. Du muß weg von ihnen,
du mußt verstehen, daß das Denken samt seinen Sinnen nur das eine und
einzige sind. Alles was aus dem Denken heraussprießt, entspricht dem Spruch
"Wasser und Wellen, nicht Wasser und Fische".
Alles ist wie
der Staub in einem Tunnel: was im Herzen hochgeht, legt sich wieder im
Herzen nieder. Genauso wie wenn Wasser ins Wasser fließt, sind Vorteile
und Nachteile völlig gleich und haben den gleichen Geschmack! Damit sind
auch alle Vasanas erledigt. "Der Kosmos ist in all seinen Formen gleich",
sagt Saraha. "Und wenn er dir anders erscheint, reinige dein Denken im
sechsten Cakra." Er empfiehlt das Denken der "Stirn" zu übergeben, das
verstaubte Denken im ajna durchzuatmen. "Das Denken ist rein, wenn du
es der Stirn überläßt. Dann merkst du keinen Unterschied zwischen dem
Körper, der Rede und dem Denken." Die ganze Welt quält sich mit den Wörtern
ab, niemand schafft es ohne Worte, aber erst wenn du von ihnen befreit
wirst, wirst du sie in ihrer Fülle verstehen! OM
108
Maharshi's sukzessives Erkennen des Höchsten
zum Anfang
Maharshi sagt in seinem 'Katechismus der Selbstbefragung'
folgendes:
"Das Denken soll ins Innere gezogen und im Herzen so lange behalten
werden, bis das Gefühl des Ich-Seins, das dort als das unwissende
Denken keimt, zerstört wird. Das ist die Weisheit und genauso auch
die Meditation. Alles andere ist nur Predige-rei. Im Einklang mit diesem
sollen wir das Denken auf Ihn konzentrieren, Ihn beob-achten und Ihn durch
allerdenkliche Bemühung erkennen."
Dieses Konzentrieren, Beobachten und Erkennen teilt der Weise in zwei
aufeinander-folgende Übungen:
1/ die Übung Shivoham' oder 'Ich bin der Shiva' und 2/ die
Übung 'Dahara-vidya' oder 'Intuitives Erkennen des Herzens'.
Der erste Teil der Übung Shivoham läuft auf das Erkennen des
vierten Zustandes, auf die Realisierung des 'Goldenen Zeitalters' hinaus,
gleichzeitig auf die Verwirkli-chung des Wesens Gottes als Schöpfer.
Wir realisieren es durch den Befehl an uns selbst: SHIVOHAM 'Ich bin Shiva'.
Der vierte Zustand ist der Zustand des allwissen-den Zeugen.
Die Übung zur Verwirklichung des vierten Zustandes besteht darin,
dass das als Ego herumirrende Denken des Menschen zuerst so lange im spirituellen
Herz gebunden wird, bis das Ichgefühl im Körper vollkommen verlassen
wird. Dieses Loslösen vom Wachzustand geschieht durch den Atmavicara,
durch die Frage "Wer bin ich?".
Der Schüler erlebt dabei eine sanfte, feine Erleuchtung als eine
Erfahrung 'Ich-Ich' oder 'die Wachsamkeit der Wachsamkeit', was nichts
anderes als das Absolute sei-nes eigenen Selbst ist. Dieses sitzt im Herzlotus,
in der Stadt des Körpers, im Sank-tissimum Gottes, im Tabernakel.
Zur Festigung dieser Erfahrung muss der Schüler in einer absoluten
Stille verharren, damit sich die Erfahrung von selbst vertiefen kann.
Er muss nur wahrnehmen, dass dieses Selbst als alles und doch als nichts
strahlt und leuchtet, innen, außen und überall, und dass es
das übersinnliche Wesen Gottes ist.
Der innere Befehl 'Shivoham' wird erst im letzten Augenblick zum Zweck
der völligen Auflösung des Ego angewendet. Das ermöglicht
dem Schüler eine weitere Vertiefung der Entspannung und Loslösung,
ein wirkliches Eintreten in den vierten Zustand.
Der Schüler muss sich jetzt bewusst machen, dass die übersinnliche
Weisheit Got-tes, obwohl selbst aus der Ewigkeit entstanden, nicht ewig
ist. Sie ist Gott der Schöp-fer, der in Zeit und Raum lebt.
Im Kern des allumfassenden spirituellen Herzens, in der 'Spannweite des
reinen Denkens', wie Maharshi sagt, existiert aber nicht nur Gott Shiva,
der Schöpfer, son-dern auch das selbstleuchtende Absolute, das selbstleuchtende
unpersönliche Selbst, das im Unterschied zum Gott Schöpfer ewig
ist, aus nichts entstanden ist und ewig leuchtet. Es ist jenseits von
Zeit und Raum. Seine Manifestierung existiert aber in Zeit und Raum. Und
gerade diese Manifestierung ist der Zustand des goldenen Zeitalters, der
Zustand des allwissenden Zeugen, unser bekannter vierter Zustand des menschlichen
Wesens.
Das Absolute leuchtet, oder glüht, immer und immer, unsichtbar und
unerkennbar in der unendlichen Spannweite seiner selbst und ist auch unter
dem Namen 'der höch-ste Geist' bekannt. Es ist 'etwas', es ist ohne
Egoismus, ohne Form, ohne Namen, ohne irgendeiner Charakteristik, ein
'etwas', in dem nicht einmal die Spur einer Be-schaffenheit oder Eigenschaft
(Existenz, Bewusstsein, Wonne) vorhanden ist, obwohl wir logischerweise
sagen würden, dass gerade diese Eigenschaften in ihm enthalten sein
müssen, wenn auch für das Absolute selbst latent. Wie konnte
sonst aus ihm alles geschaffen sein?
Man kann es aber nicht erfassen, erblicken, schildern, nicht einmal benennen.
Nicht einmal das Sein des Absoluten kann man richtig benennen, jede Benennung
ist nur ein Behelf. Für einen Menschen ist es aber doch möglich,
dieses Sein zu realisieren. Es ist ein gewisses inneres Bewusstsein innerhalb
des Bewusstseins 'Ich-Ich', das, obwohl ordnungsgemäß hinter
dem vierten Zustand, gleichzeitig universell ist. Darum existiert es gleichzeitig
in allen Individualitäten, Namen und Formen. Wir können es daher
am treffendsten 'das Absolute' nennen, obwohl auch das nicht ganz genau
und richtig ist.
Wenn der Schüler durch die geschilderte Methode den ersten Teil,
die erste Phase der Übung verwirklicht hat, hat er einen Eindruck,
der sich bei fast allen tiefen Erleb-nissen einstellt: in der Welt kann
es nichts tieferes geben. Wenn er sich aber an die-sen Zustand einigermaßen
gewöhnt hat und wenn er gleichzeitig frei und undogma-tisch unterscheiden
kann, erkennt er, dass es noch eine höhere Möglichkeit gibt.
In diesem Fall kann er den nächsten Schritt versuchen, die Übung
Dahara-vidya - die Verwirklichung des absoluten Selbst.
Die Bedingung ist Mut unbedingt und vollkommen zu sterben. Nicht nur
körperlich, sondern vor allem mental, sodass nicht einmal eine Spur
des 'feinen Denkens' übrig bleibt. Das kann einem Unvorbereiteten
als eine viel schlimmere Erfahrung erschei-nen als der schlichte menschliche
Tod . Sie ist aber absolut notwendig. Die Wirklich-keit des Absoluten
ist völlig ohne Ego, wenn der Schüler das Ego nicht völlig
aufgibt, kann er sich nicht die geringste Hoffnung auf eine Verschmelzung
mit dieser Wirk-lichkeit machen.
Es geht so:
Wie wir schon sagten, ist das Absolute die höchste, allgegenwärtige
Wirklichkeit. Es ist logisch, weil aus ihm alles entstanden ist. Der Schüler
konzentriert sich jetzt auf diese allgegenwärtige Wirklichkeit -
"die Ausdehnung des absoluten Bewusstseins", wie Maharshi sagt.
Er macht sich selbst bewusst, das diese Wirklichkeit, genauso wie das
Licht, alles durchdringt, innerlich und äußerlich, selbst die
Erleuchtung des vierten Zustandes, und verbleibt so.
Ferner macht er sich bewusst, dass genauso wie der Raum nicht nur die
Flamme der Kerze durchdringt, sondern auch den blauen inneren Teil der
Flamme, so durchdringt auch das Leuchten des Absoluten alles, was existiert.
Den ganzen Kosmos und alles was in ihm und außerhalb von ihm existiert.
Jetzt kommt eine Schwierigkeit'. Der Schüler beachtet dieses universelle
Licht nicht, er darf es auch nicht beachten, obwohl er es zuvor wahrgenommen
hat. Es genügt ihm zu wissen, dass das Absolute ein egoloser Zustand
ist, dass es das Höchste ist. Darum verneigt er sich vor ihm durch
die Meditation "Ich bin das Höchste".
Er befiehlt nichts (wie im ersten Teil der Übung). Er kann auch nicht
sagen "Es ist das Höchste", weil er so einen Dualismus
ermöglichen würde: des Beobachters, des Beobachteten, und auch
noch der Tätigkeit des Beobachtens. Er kann aber erklären "ich
bin das Höchste" und handelt doch nicht egoistisch, einfach
deshalb, weil im Zu-stand des Absoluten kein Ego existiert.
Wie denkt er also überhaupt?
Nur intuitiv. Sein Handeln und Verstehen besteht nicht mehr im Ego, seine
Quelle ist eine tiefe, göttliche Intuition. Darum wird diese Methode
auch "Dahara-vidya" ge-nannt, was frei übersetzt "das
intuitive Erkennen des Herzens" bedeutet.
Wenn das Ego trotzdem zum Vorschein kommen würde, wäre das für
den Schüler ein Beweis, dass er aus dieser Übung "herausgeflogen"
ist, anders gesagt - diesmal hat er nicht bestanden.
Im spirituellen Herz eines jeden Menschen wird bekanntlich das Begreifen
seiner Welt, seines Kosmos geschaffen. Daher enthält das Herz alles.
Der Schüler erkennt durch diese Meditation ich bin das Höchste'
den innersten Herrn des Herzens' als das höchste Substrat von
allem. Es ist eine äußerst hohe Übung, die den dauerhaf-ten
Zustand der Wahrheit' gewährt. Um diesen Zustand aller Zustände
zu erreichen, sind aber drei Bedingungen notwendig: die Übung muss
lang, dauerhaft und fest sein.
Es gibt in der Welt nur wenige Menschen, die das Erreichen des Erkennens
durch diese hohe Methode überhaupt nur versucht haben. Ihre Verwirklichung
beseitigt aber die Unwissenheit im Herzen für immer und mit ihr auch
alle bisherigen Hinder-nisse, ihre Resultate.
Erst dann wird die Weisheit verwirklicht.
- OM TAT SAT
OM -
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